Warum mein Algorithmus besser schläft als ich
Ein Blick in die Architektur eines Systems, das keine Meinung hat — und warum genau das sein größter Vorteil ist.
Aktualisiert am 29. September 2026: Dieser Text entstand im Januar 2026 über die Version, die bis September auf dem Wikifolio und auf eToro lief. Die Zahlen sind jetzt auf die Version korrigiert, die das Original-Wikifolio NDX Rotate + X heute handelt, also mit dem Volatilitätsfilter, der den früheren “Bärenmechanismus” ersetzt hat. Trefferquote und Profit-Faktor habe ich entfernt, weil sie bei einem Portfolio, das seine Positionsgrößen jeden Monat anpasst, zwar rechnerisch stimmen, aber völlig in die Irre führen. Alle drei laufenden Versionen stehen auf der Strategie-Seite.
Donnerstagabend, 23:14 Uhr. Ich sitze vor dem Bildschirm und scrolle durch Nachrichten über die neuesten Zollankündigungen, während mein Gehirn versucht, aus drei widersprüchlichen Bloomberg-Headlines eine kohärente Marktmeinung zu konstruieren. Der Algorithmus hat um 21:00 Uhr sein Signal berechnet und ist seitdem — wenn man das so sagen darf — schlafen gegangen.
Er hat keine Meinung zu Zöllen. Er hat keine Meinung zu gar nichts.
Das klingt nach einer Schwäche. Es ist seine größte Stärke.
Die Architektur der Meinungslosigkeit
Wenn Physiker ein System beschreiben, beginnen sie mit den Freiheitsgraden — den Variablen, die sich unabhängig voneinander bewegen können. Ein Pendel hat einen Freiheitsgrad. Ein Doppelpendel hat zwei und wird chaotisch. Ein Mensch, der Marktentscheidungen trifft, hat ungefähr dreitausend: Nachrichtenlage, Schlafqualität, was der Kollege beim Mittagessen über Tesla gesagt hat, ob der Kaffee stark genug war.
Der Algorithmus hat exakt die Freiheitsgrade, die ich ihm gegeben habe. Nicht mehr. Nicht weniger. (Und nein, Kaffeequalität gehört nicht dazu.)
Das Momentum-Signal, das die monatliche Rotation der fünf stärksten Aktien aus dem Nasdaq 100 steuert, basiert auf einer proprietären Formel — die Details bleiben unter Verschluss, aber der Grundgedanke ist dreißig Jahre alt und akademisch besser belegt als die meisten Ideen, die heute als Innovation verkauft werden. Jeden Monat werden am letzten Handelstag die Kandidaten ermittelt und die Orders zur Eröffnung am nächsten Morgen entsprechend ausgeführt. Die fünf Gewinner bekommen jeweils 10% des Gesamtportfolios. Der Rest geht nach Hause.
Keine Interpretation. Keine Kontextualisierung. Keine “Aber diesmal ist es anders”-Diskussion.
Was nachts passiert (und was nicht)
Ich habe fünfundzwanzig Jahre lang Märkte beobachtet, und wenn ich ehrlich bin, habe ich in dieser Zeit ungefähr fünfzehn Jahre davon schlecht geschlafen. Nicht weil die Märkte schlecht liefen — sondern weil ich nicht wusste, ob meine Reaktion auf das, was die Märkte taten, die richtige war.
Das ist der Kern des Problems, und die meisten Anleger erkennen ihn nie: Es ist nicht der Drawdown, der dich um den Schlaf bringt. Es ist die Unsicherheit darüber, ob du auf den Drawdown richtig reagierst.
Der Algorithmus hat dieses Problem nicht. Er hat keine Reaktion. Er hat ein Signal. Das Signal sagt: kaufen, halten, oder in Cash gehen. Fertig.
In einunddreißig Jahren Backtest stand der Aktienanteil ungefähr jeden dritten Monat in Cash. Nicht wegen einer Prognose, sondern weil ein Volatilitätsfilter den Aktienteil immer dann aussteigen lässt, wenn der Nasdaq 100 seinen langfristigen Trend verliert oder zu nervös wird. Gold und Bitcoin (ab ihren jeweiligen Startzeitpunkten) blieben investiert. Keine Panik. Keine Telefonkonferenz. Keine schlaflose Nacht.
2020 hat das System trotz des Crashs das Jahr mit +92,3% abgeschlossen. Nicht weil es den Crash vorhergesagt hat — das behaupte ich nicht und werde es nie behaupten. Sondern weil es Regeln hatte, die im richtigen Moment gegriffen haben, und danach weitere Regeln, die den Wiedereinstieg bestimmten. Systematisch. Emotionslos.
Ich hingegen habe im März 2020 drei Nächte hintereinander schlecht geschlafen. (Nicht weil ich dem System nicht vertraute. Sondern weil ich ein Mensch bin und Menschen biologisch nicht dafür gebaut sind, einen Drawdown dieser Größenordnung entspannt hinzunehmen.)
Das Trägheitsgesetz der Emotionen
Newton hat formuliert, dass ein Körper in Bewegung bleibt, bis eine Kraft ihn aufhält. Das gilt für Kursmomentum — darauf baut die Strategie auf, und die akademische Evidenz über drei Jahrzehnte ist robust. Aber es gilt auch für emotionales Momentum.
Wenn du drei Wochen lang rote Zahlen siehst, entwickelt dein Gehirn ein emotionales Momentum Richtung Panik. Jeder weitere rote Tag bestätigt die Richtung. Die Kraft, die dieses Momentum aufhält, müsste rationaler Natur sein — aber Rationalität hat gegen limbische Systeme eine miserable Bilanz.
Der Algorithmus hat kein limbisches System. Er hat Regeln, die im Backtest 27 von 31 Jahren positiv abgeschlossen haben, mit 24,4% Wachstum pro Jahr über die ganze Strecke (seit 2016 sogar 38,2%, allerdings ohne echten Bärenmarkt in diesem Fenster). Diese Regeln ändern sich nicht, wenn die Märkte eine schlechte Woche haben. Sie ändern sich nicht, wenn Bloomberg eine Schlagzeile druckt. Sie ändern sich nicht um 23:14 Uhr an einem Donnerstag.
Meine Emotionen schon.
Drei Anlageklassen, null gemeinsame Alpträume
Was mich ruhiger schlafen lässt als alles andere, ist nicht das Momentum-Signal allein — es ist die Struktur des Portfolios dahinter. Drei Anlageklassen mit Return-Korrelationen zwischen -0,21 und -0,05, gemessen so, wie das Portfolio sie tatsächlich hält (1995 bis 2026, Bitcoin ab 2016). Das ist keine Diversifikation aus dem Lehrbuch. Das ist empirisch gemessene Unabhängigkeit.
(Noch wichtiger: Die Drawdown-Korrelation zwischen Aktien und Gold liegt bei +0,16, zwischen Aktien und Bitcoin bei 0,00 und zwischen Gold und Bitcoin sogar bei -0,15. Die meisten “diversifizierten” Portfolios liegen bei 0,6 oder darüber, und dort fällt dann eben alles gleichzeitig.)
Ein Portfolio, in dem US-Aktien 50%, Gold 28% und Bitcoin 22% ausmachen, und in dem diese drei Bestandteile sich nahezu unabhängig voneinander bewegen — das ist der Grund, warum das schlechteste Jahr in einunddreißig Jahren bei -9,2% lag (2018). In einem Zeitraum, der den Dot-com-Crash, die Finanzkrise, COVID und alles dazwischen enthält.
-9,2%. Das schlechteste Jahr. In einunddreißig.
Die eigentliche Leistung
Ich werde manchmal gefragt, was der cleverste Teil der Strategie ist. Die Leute erwarten eine Antwort über das Momentum-Signal oder den Volatilitätsfilter oder die Bitcoin-Allokation. Aber die ehrliche Antwort ist langweiliger: Der cleverste Teil ist, dass es nichts gibt, worüber ich nachts nachdenken muss.
Das Signal berechnet sich am Monatsende. Die Allokation wird einmal im Jahr rebalanciert. Der Volatilitätsfilter prüft automatisch. Zwischen diesen Zeitpunkten passiert — nichts. Keine Entscheidungen. Keine Anpassungen. Kein “Vielleicht sollte ich diesmal doch…”
In einem Universum, in dem jeder Anleger glaubt, mehr Aktivität bedeute mehr Kontrolle, ist das radikalste Statement, das du machen kannst: nichts tun. Regelbasiert nichts tun. Systematisch nichts tun.
Der Algorithmus schläft nicht wirklich. Er hat kein Bewusstsein, keine Träume, keine 23:14-Uhr-Gedankenspiralen. Aber wenn er könnte — er würde besser schlafen als ich. Weil er weiß, was er morgen tun wird. Und übermorgen. Und in einem Jahr.
Ich weiß das inzwischen auch. Nicht weil ich keine Nerven mehr habe. Sondern weil ich die Zahlen kenne — und zehn Jahre mit 38,2% pro Jahr und einunddreißig Jahre Backtest mit 24,4% pro Jahr und einem Sharpe Ratio von 1,25 geben mir genug Grund, das System seine Arbeit machen zu lassen.
Die vergangene Performance ist kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Das ist ein juristischer Satz und ein wahrer.
Aber die Struktur hinter der Performance — drei unkorrelierte Ertragsströme, ein diszipliniertes Momentum-Signal, ein Volatilitätsfilter, der den Aktienteil ungefähr jeden dritten Monat in Cash schickt — das ist keine Vergangenheit. Das ist Architektur.
Und Architektur schläft gut.
Risikohinweis Die Inhalte dienen nur der Information. Kapitalanlage ist mit Risiken verbunden. Keine Anlageberatung.
Zwei Wikifolios, ein Regelwerk
NDX Rotate + X und Meridian Systematic folgen denselben Regeln, sind jedoch unterschiedlich breit aufgestellt. Auf einer Seite sehen Sie beide im direkten Vergleich und können das passende auf Ihre Watchlist setzen.